Veröffentlicht in Lebensstil, Psychisch

„Lass einfach alles los“ oder warum ich bei Achtsamkeitsübungen schnell mal ungeduldig werde

Grundsätzlich bin ich ja skeptisch, wenn plötzlich irgendwas als „Heilsbringer“ gehypte wird. Achtsamkeitsübungen. DAS Heilmittel scheinbar gegen alles. Aber was ist das eigentlich genau?

Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR = Mindfulness-based stress reduction) heißt es genau und ist erstmal ein 8 Wochen Programm. Es ist dazu gedacht Stress in jeglicher Form abzubauen.  Wie wir wissen, kann zu viel Stress auch zu Schmerzen führen. Kennst Du sicher bei Rückenschmerzen oder auch Magenschmerzen. MBSR bedeutet also, dass ich ein nicht wertendes, den Moment akzeptierendes Bewusstsein entwickle und dadurch keinen Stress mehr empfinde. Dass ich auf körperliche Empfindungen und Zustände achte und meine Emotionen, ob positiv oder negativ ganz neutral betrachten kann. Achtsam im Moment leben – also alles was ich tue bewusst wahrnehmen ohne zu bewerten. Nur beobachten also, so als ginge mich alles nichts an – zumindest nicht auf emotionaler Ebene.

Das hört sich zumindest danach an, dass ich es brauchen könnte. Aber so genau habe ich noch immer keine Vorstellung. Praktische Beispiele wären da hilfreich…

Ich stelle mir vor, dass ich eine Tasse trage. Dann fällt sie runter und zerspringt. Ohne MBSR würde ich vielleicht fluchen über die Arbeit des Zusammenfegens, die ich mir selbst gemacht habe, über meine Ungeschicklichkeit und vielleicht heule ich auch, weil es ein Erinnerungsstück war usw. Mit MBSR werde ich neutral/emotionslos die Scherben betrachten und mir sagen: „OK, das ist jetzt eben so. Nichts was ich empfinde, wird an dem Zustand der Tasse etwas ändern.“ Bevor ich auffege, freue ich mich noch an dem Mandala ähnlichen Muster der Scherbenanordnung auf dem Boden. Dann fege ich wirklich auf, werfe die Scherben weg und vergesse die Tasse. Zwischengedanke: Das hört sich nach Demenz an 😉.


Noch ein Beispiel, dass ich irgendwo gelesen habe:

Im Bus sitzt jemand neben mir und stinkt. Ich nehme wahr, dass derjenige stinkt ohne zu bewerten, dass er stinkt. Dann freue ich mich darüber, dass ich nicht stinke. Zwischengedanke: Das krieg ich sicher nicht hin… 😊.

Wie wäre es damit:

Ich habe höllische Rückenschmerzen, aber ich nehme sie jetzt mal neutral wahr und beobachte sie nur. Wie genau fühlen sie sich an, wohin strahlen sie aus und… „Ahhhhh! Scheiß drauf! Her mit dem Ibuprofen!!!“

Es scheint kein Allheilmittel zu sein und schon gar keines, was ich uneingeschränkt in Ausnahmesituationen empfehlen würde. Es ist wohl eher etwas für unsere generelle, egoistische, westliche und schnelllebige Gesellschaft, die eigentlich keine wirklichen Probleme hat und sie sich nur selbst macht. Bei Diagnose Krebs jedoch wage ich zu  bezweifeln, dass es dauerhaft hilft. Denn an der Diagnose lässt sich nichts ändern. Die Behandlungen beeinträchtigen die Lebensqualität sehr, daran lässt sich auch nichts ändern. Trotz dieses Wissens bin ich und viele andere jedoch weit entfernt davon diese Tatsachen wertfrei, also emotionslos annehmen zu können. Die Folgen sind Schlafstörungen, Depressionen und Angstzustände, dazu kommen unter Umständen Schmerzen und die Auswirkungen von Nebenwirkungen. Diese wirken sich häufig psychisch und körperlich aus, wie beim Haarausfall oder durch z.B. Empfindungsstörungen in Gliedmaßen oder auch Geschmacksverlust.

„Eine Überprüfung zeigt dann auch, dass MBSR die Lebensqualität bei Brustkrebspatienten am Ende der Einheiten zwar leicht verbessern kann, aber bis zu zwei Jahre nach der Einheit führt MBSR wahrscheinlich zu wenig oder gar keinem Unterschied in Bezug auf Angst, Depression und Lebensqualität“ (Cochrane: Will, Skoetz et al., 2015). Zudem glaube ich, dass ein Abschalten des emotionalen Bereichs, viele andere Probleme nach sich ziehen würde und etwas anderes ist es wohl nicht, wenn wir gleichmütig alles betrachten würden. Würde das jeder Mensch so machen, die Welt stünde still…

Hier ist dann auch die Grenze. Derartige Probleme oder auch Verletzungen der Seele lassen sich unterdrücken, aber nicht heilen und mehr kann eben MBSR auch nicht. Durch den Fokus auf das Jetzt, blendest Du im Prinzip alles andere aus. Aber wie lange kannst Du das aufrecht erhalten? Auf der anderen Seite, hält uns dies den Spiegel vor und zwingt uns innezuhalten. Daher glaube ich auch, dass es sich gut eignet um zu lernen, mehr den Augenblick zu genießen und die Sorgen und Nöte für eine Zeitlang hintenanzustellen und allein dadurch wird man sich besser fühlen. Aber eben alles mit Maß und Ziel. 

Schaden kann es wohl nicht viel anrichten und so sollte es ruhig jeder der dafür empfänglich ist ausprobieren. Die Grundlagen sind Yoga und Meditation, also Bestandteile aus der Hinduistischen und Buddhistischen Meditationspraxis. Du kannst also auch eine Reise nach Tibet unternehmen 😉. Oder Du besorgst Dir entsprechende Meditationsanleitungen bei YouTube, die Dir zusagen.

Die Frage stellt sich jedoch, ob zum Beispiel eine bessere Aufklärung der Patienten nicht wirkungsvoller wäre. Mit Angeboten zur Ablenkung/Freude/Spaß wie wir es auch aus guten Reha-Kliniken kennen. Viele der Probleme, die mit Hilfe von Achtsamkeitsübungen überwunden werden sollen, entstehen doch erst aus den Problemen, die mit einer Krebserkrankung zusammenhängen.  Unsicherheiten und Ängste durch fehlende und mangelnde Information und Betreuung. Depression durch die eigene Hilflosigkeit in Anbetracht einer eher tödlichen Krankheit. Schlaflosigkeit durch emotional belastende Zustände/Gedanken. Schmerzen und Nebenwirkungen ausgelöst durch Diagnostik und Therapien.

Ja, aber einfach mal emotionslos ansehen das Ganze… (Ironie)

Tipps zum Schluss:

Meine Tochter (Danke!) hat mir Michael Curse Kurth empfohlen. Als Rapper, Buddhist und ausgebildeter Systemischer Coach ist er sozusagen ein Meditations Rapper mit tollen Texten – kostenlos. Hier kannst Du gleich reinhören. 

Um achtsamer mit Dir selbst zu sein, mehr im Hier und Jetzt zu verbringen und weniger in der Vergangenheit und Zukunft, kannst Du auch diese kleinen Dinge ganz einfach in Deinen Alltag integrieren 😉:

  • Benutze einfach mal die andere Hand als üblich. Das ist eine sehr lustige Übung 😊.
  • Rieche an allem. Wie riecht eigentlich Deine Seife an den Händen oder die Hände vor dem Waschen? Wie Deine Bettwäsche? Wie der Salat, die Teller aus der Spülmaschine, die Menschen im Bus? Rieche einfach auch an allem, was Du in die Hand nimmst 😊 (Papier, Stifte, Bücher, PC-Maus usw.).
  • Fasse alles an und fühle, wie es sich anfühlt. Auch beim Einkaufen 😉 (das kannst Du auch mit dem „Rieche-Punkt“ verbinden).
  • Höre ganz genau hin.
  • Schmecke genau was Du isst und trinkst.

Dabei versuche nicht zu urteilen, also nicht ob es z.B. gut oder schlecht schmeckt, sondern Dir einfach zu überlegen, wie es schmeckt (salzig, bitter, kalt…). Oder wie es sich anfasst (weich, hart, cremig, schmierig…).


Oder Du hältst Dich an die 10 Gebote der Gelassenheit von Papst Johannes XXIII. Sie sind ganz und gar nicht religiös, außer das letzte ein bisschen, aber ich bin mir sicher, dass es nicht schaden wird 😉. Du kannst sie Dir auch auf Kärtchen schreiben und Dir jeden Tag ein anderes nehmen, welches an diesem einen Tag Dein „Mantra“ sein wird.

  1. Leben

Nur für heute werde ich mich bemühen, einfach den Tag zu erleben – ohne alle Probleme meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.

  1. Sorgfalt

Nur für heute werde ich größten Wert auf mein Auftreten legen und vornehm sein in meinem Verhalten: Ich werde niemanden kritisieren; ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern… nur mich selbst.

  1. Glück

Nur für heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin … nicht nur für die andere, sondern auch für diese Welt.

  1. Realismus

Nur für heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.

  1. Lesen

Nur für heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen. Wie die Nahrung für das Leben des Leibes notwendig ist, ist die gute Lektüre notwendig für das Leben der Seele.

  1. Handeln

Nur für heute werde ich eine gute Tat vollbringen – und ich werde es niemandem erzählen.

  1. Überwinden

Nur für heute werde ich etwas tun, wozu ich keine Lust habe. Sollte ich mich in meinen Gedanken beleidigt fühlen, werde ich dafür sorgen, dass niemand es merkt.

  1. Planen

Nur für heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Vielleicht halte ich mich nicht genau daran, aber ich werde es aufsetzen. Und ich werde mich vor zwei Übeln hüten: vor der Hetze und vor der Unentschlossenheit.

  1. Mut

Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist. Und ich werde an die Güte glauben.

  1. Vertrauen

Nimm dir nicht zu viel vor. Es genügt die friedliche, ruhige Suche nach dem Guten an jedem Tag zu jeder Stunde, und ohne Übertreibung und mit Geduld.

Nur für heute werde ich fest daran glauben – selbst wenn die Umstände das Gegenteil zeigen sollten –, dass die gütige Vorsehung Gottes sich um mich kümmert, als gäbe es sonst niemanden auf der Welt.